
X_HeERO – eCall Next Generation
eCall der nächsten Generation trifft autonomes Fahren: Unsere Live-Demonstration in Braunschweig
Was passiert eigentlich, wenn ein autonomes Fahrzeug in einen Unfall verwickelt wird – und niemand am Steuer sitzt, der einen Notruf absetzen kann? Genau diese Frage stand im Mittelpunkt unserer jüngsten Demonstration im Rahmen des EU-Projekts X_HeERO (eCall Next Generation), die wir als HILYNX gemeinsam mit unseren Konsortialpartnern durchgeführt haben.
Warum eCall neu gedacht werden muss
Das paneuropäische eCall-System war ein Meilenstein für die Straßensicherheit: Bei einem schweren Unfall setzt das Fahrzeug automatisch einen Notruf an die Rettungsleitstelle (PSAP) ab und übermittelt einen standardisierten Minimum Set of Data (MSD) mit Position und Fahrzeugdaten. Seitdem hat sich jedoch viel getan. Die Mobilfunknetze sind von 2G/3G auf 4G und 5G umgestiegen und mit dem automatisierten Fahren der SAE-Stufen 3 bis 5 verändern sich die Grundannahmen des Systems grundlegend. Ein hochautomatisiertes Fahrzeug fährt möglicherweise ganz ohne Fahrer oder sogar ohne Insassen. Wer löst dann den Notruf aus? Wie läuft die Kommunikation mit der Leitstelle? Und welche Informationen brauchen Rettungskräfte, um wirksam helfen zu können?
Next Generation eCall (NG eCall) beantwortet diese Fragen mit IP-basierter Kommunikation, reichhaltigeren Datenformaten und mehr Flexibilität für unterschiedliche Fahrzeugtechnologien und Unfallszenarien.
Vom Workshop zum Szenario
Den Rahmen unserer Demonstration haben wir bereits im September 2025 in einem Workshop mit der Cross-Impact-Balance-Methode (CIB) abgesteckt. Aus fünf Systemdimensionen – Sensorik, Kommunikation, MSD, Fahrzeugklasse und Anzahl der Insassen – ergab sich als konsistenteste Konstellation ein Fahrzeug mit L-5-Sensorik, moderner 4G/5G/6G-Kommunikation, einem erweiterten MSD, für Shuttle-Fahrzeuge der Klasse M2/M3 mit mehr als einem Insassen. Daraus haben wir zwei konkrete Szenarien abgeleitet:
Im ersten Szenario, der Fahrbahnabweichung, verlässt das Fahrzeug aufgrund einer simulierten Sensorstörung die Fahrbahn und kommt seitlich zum Stehen. Im zweiten Szenario, der Kollision, trifft das Fahrzeug auf ein unerwartetes Hindernis auf der Straße. Beide Szenarien decken zusammen ein breites Spektrum realer Unfallkonfigurationen ab.
Der Aufbau
Herzstück der Demonstration war der On-Board-Computer unseres Konsortialpartners Radcom, der sämtliche Funktionen intelligenter Verkehrssysteme in einem einzigen Gerät bündelt. HILYNX brachte als Systemintegrator und Arbeitspaketleiter die Erfahrung ein, um dieses ursprünglich für den öffentlichen Nahverkehr entwickelte Gerät für den Einsatz in autonomen Fahrzeugen zu erproben. Zur Erweiterung des Systems von Radcom montierten wir eine 360°-Kamera auf dem Dach – als Stellvertreter für die visuellen Sensoren eines AV. Deren Videofeed ist ein zentraler Bestandteil unseres Vorschlags für ein erweitertes MSD.
Die Demonstration auf dem Verkehrsübungsplatz
Durchgeführt wurde die Demonstration auf dem Verkehrsübungsplatz Braunschweig – einer idealen Umgebung für kontrollierte Fahrtests. In beiden Szenarien lief der Ablauf sauber durch: Das Fahrzeug geriet in die Ausnahmesituation, aktivierte die Warnblinkanlage, löste den eCall aus und übertrug das erweiterte, mit Videofeed angereicherte MSD an die Leitstelle. Der eCall-Testserver unseres Partners oecon stellte die übertragenen Daten in menschenlesbarer Form dar. Die Freiwillige Feuerwehr Riddagshausen übernahm die Rolle der Rettungsleitstelle, bewertete die Lage und ergriff die notwendigen Maßnahmen – wobei sich das Vorgehen je nach Belegung des Fahrzeugs unterscheidet: Ein unbesetztes Fahrzeug kann abgeschleppt werden, während bei Insassen Erste Hilfe geleistet werden muss.
Ein simulierter Anwendungsfall: Schutz für ungeschützte Verkehrsteilnehmer
Ergänzend zeigte unser Partner CTAG einen simulierten Anwendungsfall im urbanen Raum, in dem ein autonomes Fahrzeug mithilfe seiner Sensorik Fußgänger in der Nähe erkennt. Der Kern der Idee: ein zusätzlicher Datenblock im MSD, der Rettungskräften Informationen über erkannte ungeschützte Verkehrsteilnehmer (VRUs) liefert – geschätzte Anzahl, relative Position und geschätzter Zustand (in Bewegung, reglos oder unbekannt). Dabei bleiben drei Prinzipien gewahrt: Das bestehende MSD bleibt kompatibel, es werden keine Bilder oder personenbezogenen Daten übertragen, und die Datenmenge bleibt kompakt – maximal 33 Byte für bis zu 15 erkannte VRUs.
Wie es weitergeht
Abgerundet wurde der Demonstrationstag durch eine Expertenrunde mit juristischer, technischer und kommunikationsbezogener Perspektive. Zentrale Handlungsfelder für die Zukunft: die konkrete Ausgestaltung des erweiterten MSD unter Berücksichtigung des Datenschutzes, die Interaktion von Rettungskräften mit autonomen Fahrzeugen, Redundanzen bei Netzausfällen (etwa über V2X- oder V2V-Kommunikation) sowie der Umgang mit Fehlalarmen über Rückkopplungsschleifen zu den Herstellern.
Unser besonderer Dank gilt der Freiwilligen Feuerwehr Riddagshausen für ihre Mitwirkung an den Live-Demonstrationen sowie dem Verkehrsübungsplatz Braunschweig für die Bereitstellung des Testgeländes.
Die Demonstration hat gezeigt, dass sich das eCall-System sinnvoll für das Zeitalter des autonomen Fahrens weiterentwickeln lässt – und liefert wertvolle Impulse für die Standardisierung eines erweiterten MSD.